Im Gespräch mit
Dr. Eckart von Hirschhausen

Arzt, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator



»Ich habe mich sehr früh dafür interessiert, wie gelingt die Vermittlung von Wissen auf eine kreativere Art und Weise«,

sagt Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator im Gespräch mit Volker Stollorz, Geschäftsführer des Science Media Center Germany.

Dr. Eckart von Hirschhausen
ist Arzt, Wissenschafts­journalist und Fernseh­moderator. Er ist Gründer der Initiative »Gesunde Erde – Gesunde Menschen«, die sich dafür einsetzt, die Gesundheit der jetzigen und zukünftigen Generationen in Zeiten des Klimawandels zu bewahren.

Volker Stollorz
ist Geschäftsführer und Redaktionsleiter des 2015 gegründeten Science Media Center Germany (SMC). Seit 1991 berichtete der Wissenschafts­journalist aus Leidenschaft über die Reibungszonen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Volker Stollorz: Lieber Eckart von Hirschhausen, schön, dass Sie trotz der vielen Verpflichtungen Zeit gefunden haben. Wir sind befreundet seit Jahren und duzen uns. Daher bleiben wir beim du. Ich wollte zuerst einmal eine Beobachtung teilen. Für mich warst du immer ein Grenzgänger, also du warst Arzt, dann Kabarettist, dann warst du Journalist. Jetzt in letzter Zeit nehme ich dich ein bisschen mehr als Aktivisten wahr. Wie trennst du eigentlich die verschiedenen Rollen?

Eckart von Hirschhausen: Für mich sind diese Rollen gar nicht so weit auseinander, wie es vielleicht manchmal scheint und haben sich organisch in meinem Leben ergeben. Bin ich »Aktivist«? Ich will aber nicht mehr so passiv sein. Das ist für mich ein Unterschied. Aktivist klingt so schnell nach: Steine werfen und sich in Lüchow-Dannenberg mit Sekundenkleber an die Gleise heften. Das ist nicht mein Stil. Aber ich bin tatsächlich in den vergangenen zwei, drei Jahren in einem Findungsprozess, wozu meine öffentliche Reichweite eigentlich am Sinnvollsten eingesetzt wird. Meine Themen gibt es medizinisch gesprochen in verschiedenen Darreichungsformen: als Bühnenprogramm, als Buch, als Zeitschrift, im Fernsehen, oder für die nächste Generation als Vorlesung – sozusagen alles außer Zäpfchen. Die Kerngedanken sind seit meinem Studium immer ähnliche: dass es besser ist Krankheiten zu verhindern als zu kurieren, dass seelische Gesundheit so wichtig ist wie körperliche, und in letzter Zeit verstärkt, dass es gesunde Menschen nur auf einer gesunden Erde gibt. Ich habe Medizin und Wissenschaftsjournalismus studiert und mich sehr früh dafür interessiert, wie gelingt die Vermittlung von Wissen auf eine kreativere Art und Weise? Beim Hessischen Rundfunk hatte ich mein erstes Fernseh-Gesundheits-Magazin für fünf Jahre, und – egal welches Thema, welche Zivilisationskrankheit drankam – am Ende war das Fazit immer: nicht rauchen, bewegen, Gemüse!

 
 

Und dann dachtest du, die Leute, die diese Botschaft regelmäßig hören, dürften diese drei Schlussfolgerungen irgendwann kapiert haben ...

Genau. Und wer raucht, rumhockt und Pommes für Gemüse hält, schaut ja keine ARD-Gesundheitsmagazine. Deswegen hab ich dann meine Bühnenprogramme bei RTL gemacht, mit sehr viel größerer Hebelwirkung bei potenziell mehr Menschen. Deswegen bin ich für die Fachjournalistinnen immer so ein bisschen der schillernde Vogel gewesen. Die konnten mich nicht so richtig einordnen. Für die Unterhaltungs-Redakteure dagegen war ich immer viel zu ernsthaft, weil ich immer darauf bestanden habe, dass alles, was ich sage, Hand und Fuß hat, also auf seriösen Quellen und Evidenz beruht. Da bin ich lange Zeit echt gegen Wände gelaufen und das wollte in dieser Mischung erst einmal keiner haben.

Das war wirklich so und ich bin froh, dass ich bei Wochenzeitungen Wissenschaftsjournalist war.

Im Rückblick kommen einem diese Grabenkämpfe albern vor, aber auf eine Art war ich Vorreiter für eine lockerere Weise der Wissenschafts-Vermittlung, die heute viel gängiger ist. Zum Beispiel unsere geschätzte Kollegin Mai Thi, die ihren ganz eigenen YouTube Stil entwickelt hat und sehr, sehr gut darin ist. Da fragt ja keiner mehr »Darf die das?«, wenn sie manchmal auch singt oder einen Gag macht oder Wortwitz einsetzt und so weiter. Unser Hirn unterscheidet nicht zwischen »ernst« und »Unterhaltung«, zwischen E und U. Das unterscheidet nur zwischen »interessiert mich« oder »langweilt mich«. Und deswegen glaube ich, dass viele von diesen Grenzen, die wir im Wissenschafts­journalismus gezogen haben, obsolet sind und dass auch die Erzählhaltung eigentlich eine andere sein muss. Nicht mehr der Klugscheißer, der sich herablässt, sein Wissen zu teilen, sondern sich selber als Reporter, als Dazulernender zu begreifen, als einen Menschen in einem eigenen Denkprozess: Ich weiß noch nicht alles, aber ich habe eine Idee. Und ich nehme euch mit auf diese Reise. Das war, als ich damit anfing, überhaupt nicht selbstverständlich, dass eine solche Haltung irgendwie beim Publikum Erfolg haben könnte.

 
 

Ich entdecke in diesen Worten eine kritische Analyse des klassischen Wissenschaftsjournalismus. Der scheint dir zu passiv, der optimiert nicht auf Wirkung im Publikum. Und du sagst im Grunde, ich will eigentlich mit dem, was ich weiß und was ich gerne vermitteln möchte, damit möchte ich wirken und Reichweite erzielen. Und deshalb gehst du dahin, wo die größte Reichweite winkt. Mein Verdacht wäre dann bloß als klassischer Wissenschaftsjournalist: Das geht bei bestimmten, aber beileibe nicht bei allen Themen, die für das Publikum hohe Relevanz haben.

Klar. Es ist sicher leichter, über medizinische Themen körpernah zu berichten, oder Kabarett zu machen als über Astrophysik. Wobei Harald Lesch das ja auch schafft, und der mir diesen sehr schönen Satz eingebimst hat: Naturgesetze sind nicht verhandelbar. Wir tauschen uns viel aus, wie wir eigentlich die größte Gesundheitsgefahr dieses Jahrhunderts – den menschengemachten Klimawandel, angemessen kommunizieren können. Dazu gibt es auch unter vielen Wissenschaftsjournalisten Diskussionen, wie »objektiv« man über die Vollkatastrophen-Ignoranz in der Klimakrise, Artensterben und die Pandemien durch Wildtierhandel und Raubbau an der Natur berichten sollen, oder ob es unter Journalistinnen und Journalisten eine andere Form von innerer Beteiligung braucht.

 

Erklär mir genau, warum du das denkst, wir dürfen nicht Beobachter bleiben, sondern müssen uns emotional stärker engagieren, Haltung beziehen?

Einfach, weil wir Menschen sind, »interessiert mich«, »interessiert mich nicht«, heißt ja, selbst objektive Informationen unterliegen erstmal im Gehirn der Etikettierung: Ist das emotional für mich irgendwie spannend? Zu lange Zeit haben sich Wissenschaftsjournalisten und die Forschenden selber aus einer persönlichen Beurteilung von dem, was sie da beackern, herausgehalten. Und ich glaube inzwischen ernsthaft, dass ein Teil des Kommunikationsproblems von vielen Klima-Fakten ist, dass wir die Klimakrise sozusagen wie Kriegsreporter am Spielfeldrand beschreiben, ohne zu sagen: Das haben wir echt unterschätzt. Wenn das stimmt, dann sind wir Menschen auf diesem Planeten in einer verdammt bedrohlichen Situation.

Ich würde trotzdem argumentieren: Sowohl der Forschende als auch Journalistinnen sind letztendlich von ihrem Ethos in erster Linie her verpflichtet, verlässliches Wissen erst einmal zu recherchieren, zur Verfügung zu stellen und das dann auch noch von anderen prüfen zu lassen. Im öffentlichen Diskurs, von den Journalisten, in der wissenschaftlichen Community, bei Wissenschaftlern.

Ja, aber du tust so, als würden diese Professionellen nur aus Kopf bestehen. Auch Wissenschaftler haben einen Körper. Und die haben auch Gefühle und ein moralisches Empfinden. Ich bin Fan von Peer Espen Stoknes, von George Marshall oder auch von dem isländischen Multitalent Andri Snaer Magnason, der »Wasser und Zeit« geschrieben hat. Er schilderte seine Begegnung mit einem Journalisten, mit dem er über den Verlust der Gletscher in seiner Heimat sprach. Und er fragte ihn, nachdem er beschrieben hatte, dass diese Eismassen heute nur noch ein Bruchteil von dem ausmachen, was er noch als Kind erlebt hatte: Haben Sie verstanden, was ich Ihnen sagen will? Der Journalist sagte ja, ja, hab ich. Nein, haben Sie nicht. Selbst ich habe das noch nicht wirklich begriffen. Wenn wir es beide verstanden hätten, dann würden wir schreiend durch die Straßen laufen. Diese Geschichte war für mich ein Aha-Erlebnis. Wir Wissenschaftsjournalisten beschreiben diese Prozesse, wir können die mit Prozenten hinterlegen und auch Kubikmeter Eisverlust ausrechnen usw. Aber wir lassen diese Dinge nicht wirklich emotional an uns heran. Wissenschaftler sind geschult darin, natürlich auch Ärzte wie ich einer war. Als Arzt muss ich jemandem sagen können: Das ist Ihre tödliche Diagnose, ohne dabei in Tränen auszubrechen, das ist Teil der ärztlichen Professionalität. Aber es führte eben auch dazu, dass wir die Ernsthaftigkeit der Lage, was unsere Lebensgrundlagen als Menschheit angeht, nicht rübergebracht haben, denn dass es Grenzen des Wachstums gibt, ist seit 1972 bekannt. Die Klimakrise seit den 80ern und auch die aktuelle Pandemie kam nicht aus dem Nichts, sondern ist eine Katastrophe mit Ansage.

 

Aber ist das nicht genau die Aufgabe echter Journalistinnen und Journalisten, Information, Meinung, Werbung und Propaganda zu unterscheiden. Ich verstehe noch nicht genau, wo da für den Wissenschaftsjournalismus der Mittelweg wäre zwischen Information und Emotion, also eher überzeugen zu wollen statt bloß zu informieren?

Es braucht keinen Mittelweg – sondern viele verschiedene Wege. Meiner ist nur einer davon. Die Unterscheidung von Information, Werbung und Fake braucht mehr Bewusstsein auf der Seite der Sender von Information, aber auch mehr Grundwisssen auf der Seite der Empfänger, ich nenne das gerne flapsig mehr »Bullshit-Resistenz«. Recherchewege zu kennen, Faktenchecken und so weiter, das gehört in die Schule, ein innerer Kompass oder ein Alarmsystem, woran man schnell merken kann, dass irgendetwas aus wahrscheinlich unsinniger Quelle kommt. Aber allein diese Trennung zwischen redaktionellem Inhalt und Werbung, die ist vielen jüngeren Menschen überhaupt nicht mehr bewusst, weil die in den sozialen Medien ja komplett verwischt. Eines der Bücher, die mir aus meiner Studentenzeit echt in Erinnerung geblieben ist, ist Neil Postmans »Wir amüsieren uns zu Tode«. Damals dachte ich: Ach, das ist ja sehr, sehr dystopisch und es wird nie dazu kommen. Doch Neil Postman hat Trump vorhergesagt. Er hat gesagt, Leute werden durch Fernsehshows so populär, dass es am Ende völlig egal ist, ob es korrekt ist, was sie sagen. Hauptsache man fühlt: Den kenne ich. Und der ist Entertainer. Und den will ich sehen. Dieses Gefühl, mit der Fernbedienung alle Wirklichkeit wegzappen zu können, das fand ich sehr eindrücklich. Und was die Ironie meiner eigenen Biografie ist: Postman schrieb, warum Quizshows so unglaublich erfolgreich werden. Worauf sind Quizshows eigentlich die Antwort? Auf das zerstückelte Akquirieren von Wissen. Wir lernen nichts mehr im Kontext, sondern nur noch häppchenweise. Und die einzige, sinnvolle Verwendung von diesem stückhaft erworbenen Wissen ist, genau so bruchstückhaftes Abfragen – das Quiz. Aber das Leben ist ja keine ABCD Frage (lacht).

 
 

Aber du versuchst ja, das finde ich hoch interessant, gute Inhalte zu verbinden mit Show und Vermittlung. Aus meiner Sicht bleibt es aber dabei: Das geht natürlich nicht bei jedem Thema.

Völlig einverstanden. Ich suche ja selber noch danach, wie man auch so sperrige Themen wie die Klimakrise für den Samstagabend tauglich dosiert. Das ist ein ständiges Ringen. Aber zusammen mit der Redaktion, der Produktion und allen Beteiligten sind wir schon stolz, dass wir mit Unterhaltungsshows zu medizinischen Themen über 100 Millionen Menschen erreicht haben. Ich mache das jetzt seit über zehn Jahren. Damals kam der WDR auf mich zu, weil ich mit den Bühnenshows 3000 Leute pro Abend erreichte. Der Unterhaltungs-Redakteur saß bei mir in der Show, guckte sich um und sagte: Ach, das sind ja genau die Leute, die eigentlich auch Öffentlich-Rechtlich gucken. Wollen wir das nicht mal probieren? Nach dem Modell des Live-Programms entstand das Format »Hirschhausens Quiz des Menschen«. Relevanz und Firlefanz, in unterschiedlichen Mengenverhältnissen. Ist mir auch klar. Aber mir ist lieber, innerhalb von diesen 180 Minuten in der Primetime dafür zu sorgen, dass zehn Minuten etwas Relevantes stattfindet, als überhaupt nicht, oder im Spartenkanal nach Mitternacht. Denn damit hast du 3 bis 4 Millionen Menschen für ein Thema interessiert, wofür sie sich sonst eher nicht interessiert hätten. Ich wüsste keine andere Sendung, in der wie selbstverständlich auch Themen zur Sprache kommen: Wie lebt es sich mit Multipler Sklerose? Wie funktioniert die Organspende? Wie sieht es im Hospiz aus? Und so weiter. Das alles findet durch das Dicke-Bretter-Bohren am Samstagabend in der Primetime statt. Manchmal fühle ich mich wie ein U-Boot in der Unterhaltung.

Ich bekenne offen, ich gehöre nicht mehr zu diesem Publikum.

Klar, du weißt ja auch schon alles. Aber ich habe z.B. durch etwas ganz Simples wie Wiederbelebungs-Regeln Menschen das Leben gerettet – nachweislich. Die haben die Sendung geguckt und wussten: Ach, Pusten ist nicht mehr so wichtig, Hauptsache, du fängst an zu drücken. Die haben das bei ihrem kollabierten Angehörigen gemacht und die kamen erst wieder zu sich und dann sogar noch in die Sendung. Und das ist für mich ein bisschen das, woran ich mich in den dunklen Momenten im Unterhaltungs-Gewerbe hochziehe und sage: Mensch, für die und die und die hast du schon einen Unterschied gemacht.

 

Ok, und außerhalb der Verbindung von Showtime und der Vermittlung von konkretem handlungsrelevantem Wissen?

Klar, es braucht die ganze Bandbreite eines guten Wissenschaftsjournalismus, aber ich bin dafür, dass gerade die Klimakrise in der ARD eine viel größere Rolle spielen muss. Das ZDF hat sich mit Harald Lesch, mit Dirk Steffens und jetzt mit Mai Thi da super aufgestellt. Genau diese Schnittstelle von Lebenswissenschaften, von Terra X und von bekannten Köpfen so zu mischen, dass sich Leute auch für etwas interessieren, wo sie sich erst einmal in der Programmzeitschrift nicht für interessiert hätten. Wissenschaftsjournalisten deiner Denke unterschätzen, wie viel »Beifang« es gibt, also wie viel auch Leute, denen man das gar nicht unterstellt hätte, dann doch so etwas gucken und dann doch irgendwie zumindest neugierig werden auf ein Thema. Die recherchieren dann, schauen selbst nach und haben relevante Botschaften dann auch von zwei, drei Seiten gehört. Marketing-psychologisch sagt man oft, man brauche fünf, sechs, sieben Mal einen Anstoß, ein neues Thema überhaupt wahrzunehmen, bis man sagt: Okay, da ist was dran. Diese Anstöße kommen eben heute auf verschiedenen Kanälen. Und ich gebe am liebsten diese Anstöße auf Kanälen, auf denen man es am wenigsten erwartet hat.

 

Ich möchte zum Schluss gerne zu unserer Initiative »Together for Fact News« kommen, bei der du auch mitmachst. Danke dafür. Was löst das Wort »Together for Fact News« bei dir aus? »Together for Fact News«. Das ist ja eigentlich ein Wortspiel zwischen »Fact News« und »Fake News«.

Ich mag dieses »Together«, dass Menschen, die sehr unterschiedlich ticken, sich verknüpfen. Das ist ja zum Beispiel auch der Riesenerfolg bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffes, dass es eine Kooperation weltweit gab zwischen Forschenden, die es in der Form und Geschwindigkeit bisher nicht gab. Das gab‘s vorher nicht, dass eine solche »Togetherness« entstanden ist. Und das ist toll. Andererseits wächst das Misstrauen in Institutionen, in Medien, in Politik, in Wissenschaft – und das macht mir echt Sorge. Ich bin auch dabei, weil ich diesen Satz liebe: Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.

 
 

Deswegen versuchen wir mit der Initiative den Gedanken zu verbreiten, warum in der Demokratie guter Journalismus über Wissenschaft systemrelevant ist. Wir müssen uns auch darüber streiten, wie gute Wissenschaft und guter Wissenschaftsjournalismus auch weiterhin Wirkung in der Gesellschaft entfalten können. Weil wenn keine Wirkung im Publikum mehr entfaltet wird, wenn keiner mehr hinhören will oder wir Populisten oder den Leuten das Feld überlassen, die Desinformation bewusst verbreiten, dann haben wir ein Problem mit der Demokratie.

Da bin ich ganz bei dir. Das Berliner Adelphi-Institut hat eine Studie veröffentlicht, wie eng der Zusammenhang von Rechtspopulismus und Wissenschaftsfeindlichkeit ist – europaweit. Und da ist erstens Öffentlich-Rechtlich gefordert und auch die großen Wissenschafts-Institutionen. Das Korrigieren von Fakenews im Netz fällt in ein großes Verantwortungsvakuum. Und das fällt uns jetzt zum Beispiel beim Thema Impfen gehörig auf die Füße. Aber es gibt auch noch eine »Fehlinformation« auf der Metaebene, denn im Sinne der »pluralistischen Ignoranz« denken wir ja, wenn ein Problem wirklich groß wäre, würden sich auch alle großen Institutionen damit beschäftigen. Im Umkehrschluss – wenn die großen Forschungsetats weiter bei ganz anderen Themen sind, kann die Klimakrise ja so existentiell nicht sein. Ich habe als Arzt in der Kinder-Neurologie und -Psychiatrie gearbeitet. Mich interessiert alles, was mit Seele und mit unserem Gehirn zu tun hat, mit mentaler Gesundheit. Wenn du die fragst, wie viele Hirnforscher beschäftigen sich denn mit der Wirkung von Hitze auf das Hirn? Kaum jemand, Fehlanzeige! Dabei ist es der Körperteil, der maximal betroffen ist durch Überhitzung. Wir werden rammdösig, wir machen Fehler. Unfälle steigen, wir begehen mehr Suizide. Jeder demenziell erkrankte Mensch verschlechtert sich. MS-Patienten haben bei Hitze extrem Mühe. Aber woran wird geforscht? An Mäusen und irgendwelchen Plaque-Proteinen.

Das ist die Freiheit der Themensetzung in der Forschung! Du sagst jetzt: Ihr müsst euch thematisch an den großen Herausforderungen der Gesellschaften ausrichten. Die Forschung sagt: Wir wollen frei und unabhängig forschen, um verlässliches Wissen zu finden und künftige neue Herausforderungen zu erkennen.

Ja, aber da werde ich inzwischen radikaler und sage: Genau dafür braucht es auch eine am Gemeinwohl orientierte Steuerung, ein Ministerium, das sagt: Leute, wir haben noch wenige Jahre Zeit, überhaupt diesen Planeten bewohnbar zu halten. Wir werden diese Anstiege der Durchschnittstemperaturen überhaupt nicht mehr aufhalten können. Was bedeutet das denn für die Medizin, für die Krankenhäuser, die Altenpflege, für den Städtebau, für die Landwirtschaft, für Krisen, Kriege, Wohlstand, Freiheit und Demokratie und und und? Und da muss mir erst einmal jeder Forscher im Umkehrschluss erklären, warum das, woran er jetzt seit Jahren forscht, irgendwie so relevant ist wie diese Überlebensfrage. Also ich werde da ungeduldiger und ich werde auch ungnädiger mit dieser Frage, wenn sich jeder sein Steckenpferd aussucht, dann verpassen wir eine einmalige historische Chance. Und wir sind die erste Generation, die wirklich manifest mitbekommt, dass Dinge sich verschlechtern. Und wir sind die letzte, die irgendwie was daran ändern kann.

 
 

Da steckt ein verdeckter Vorwurf an den Journalismus drin nach dem Motto: Hey, mit dem Ernst der Lage habt ihr euch noch nicht so richtig emotional beschäftigt. Ihr tut immer noch so, in 50 Jahren beobachten wir weiterhin die Weltläufe.

Ja, mir reicht das nicht.

 

Wenn du Leute provozierst, Wissenschaftler oder auch Journalisten, was antworten die dann?

Ich glaube tatsächlich, vielen ist die Dringlichkeit nicht klar und mir war die ja auch nicht klar, bis ich vor zwei Jahren anfing, tiefer in die Materie zu gehen, meine Stiftung »Gesunde Erde – Gesunde Menschen« zu gründen, mich zu vernetzen und ein Buch dazu zu schreiben. Deswegen kann ich da auch keinen großen Vorwurf machen.

 
 

Was war dein Schlüsselerlebnis?

Ich hatte mehrere Aha-Erlebnisse. Eins war mit Jane Goodall, die mich fragte: Wenn der Mensch immer sagt, wir sind die schlauste Art, die jemals auf diesem Planeten existiert hat, warum zerstören wir dann unser eigenes Zuhause? Und das ist die direkteste und wichtigste Frage, die ich jedem im Gespräch inzwischen weitergebe. Dann hatte ich ein Interview mit Hans-Christian Gunga, der ist Hitze-Forscher in Berlin an der Charité, und er hat mich auf eine sehr basale Gleichung hingewiesen, dass es kein Säugetier auf diesem Planeten gibt, das mehr als 42 Grad Körpertemperatur aushält, einfach weil sich unsere Proteine dann zerlegen und unser Hirn als allererstes. Und dass der Mensch auch ein Säugetier ist. In unserer Überheblichkeit bestehen wir nur aus dem Kopf und glauben, dass wir uns aus der Biologie, aus der Physiologie herauskaufen können. Die Grundlage von Gesundheit sind keine Medikamente, Operationen oder Hochleistungsmedizin. Die Grundlage sind: saubere Luft, Wasser, was zu Essen und erträgliche Außentemperaturen. Gegen Viren kann man impfen. Gegen Hitze nicht. Für den globalen Klimastreik haben wir ein großes Thermometer auf die Bühne vor dem Brandenburger Tor mitgenommen: 42 Grad gleich 1 1 2. Wir sind in einem medizinischen Notfall. Diese Dringlichkeit hat noch keine Mehrheit, weder in der Politik, der Wissenschaft noch der Zivilgesellschaft.

Noch einmal, woran glaubst du liegt das?

Das hat viel mit der Kommunikation zu tun, die uns immer räumlich und zeitlich Distanz vorgegaukelt hat. Es ging um Eisbären, es ging um Atmosphäre, es ging um den Meeresspiegel in Bangladesch. Und alles, was der Mensch daraus hier in unseren Breiten zog war: Gott sei Dank nicht hier. Und Gott sei Dank nicht jetzt. Und dabei ist es hier und es ist jetzt. Und Deutschland ist eines der Länder, die am deutlichsten die Hitzefolgen spürt, wie der letzte Lancet Climate Count Down zeigt. Aber Institutionen reagieren unglaublich träge. Wie viel gibt das BMBF-Budget für Nachhaltigkeits-Forschung aus? Ein paar Millionen im Milliarden Etat? Warum war der Gesundheitsminister nicht Teil des Klimakabinetts? Offensichtlich ist noch nicht einmal auf der Regierungsebene klar, dass Klima etwas mit Gesundheit zu tun hat. Also wo du hinguckst, fehlt genau diese Verbindung, dieser Konnex. Und um den großen Bogen zum Anfang unseres Gesprächs zu führen, genau deswegen braucht es auch mehr Spinner, mehr Hofnarren, mehr agile Vernetzer an den Schnittstellen, die sagen: Weißt du eigentlich, dass zwei Türen weiter jemand bereits daran arbeitet, was du jetzt auch gerade entdeckst?

 

Du bist sozusagen das Konnektom. Ich merke das schon, du willst alles mit allem verbinden.

Ja – das ist die Herkulesaufgabe, die für uns alle gerade ansteht. Deswegen heißt es ja auch »one health« oder »Planetary health«, oder auf deutsch »gesunde Erde – gesunde Menschen«. Es ist alles miteinander verbunden, darüber können wir staunen, lachen, forschen und weitererzählen.

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